Bearbeitungen
Der Dehio im Wandel der Zeit
Beispiel: Orangerie Kassel
Beispiel: Cranachhöfe Wittenberg
 
 

Aus: Dehio Mitteldeutschland, 1905 - Chemnitz

Ev. Schloßkirche. (Benedikt.Klst.) gegr. 1136, Erneuerung des Klst. 1499 ff., der K. 1514-1525. Vom rom. Bau rühren her das Chorquadrat, die außen platt, innen mit 1/2 kr. Nischenschließenden, mit Tonnen überwölbten Nebenchöre und das QSch.; hier auch einiges Detail aus 12. Jh. Die (vermauerten) Fenster an der Hochmauer des Chors und einiges im QSch., wo eine mit den Wohnungen der Mönche kommunizierende Empore gewesen zu sein scheint, rom. zu got. Der anschließende Oflügel des Kreuzgangs frgot. Das Lhs spgot. von ähnlichem Habitus wie die K. in Freiberg, Annaberg, Pirna, nur schmäler in den Schiffen (eine Folge der beibehaltenen rom. Grundmauern). Das Prinzip der einheitlichen Decke besonders konsequent durchgeführt; die Gurtrippen fehlen ganz. Empore nur im n SSch. Außerhalb der w Stirnmauer eine Vorhalle und über ihr zwei, nur bis zur Schiffshöhe ausgeführte Türme. Über der kleinen Tür des n SSch. erhebt sich in voller Höhe der Wand eine eigentüml. plastische Dekoration, beg. 1525. Sie ahmt ein Baugerüst von rohen Stämmen nach; die Äste teils gekappt, teils miteinander verschlungen; die zwischen ihnen liegenden Wandfelder mit Statuen ausgesetzt. Zuunterst Löwen; darüber, in Höhe der Türgewände, der Kaiser Lothar und die Kaiserin Richenza als Stifter; im folgenden Geschoß die Maria und 4 Heilige, im dritten die Trinität und Engel. Neben der "schönen Pforte" in Annaberg die wertvollste plastische Leistung dieser Zeit und Landschaft. Die Behandlung des Fleisches weich und breit, die Gewandung maniriert, doch effektvoll; der Künstler muß mit den Werken Riemenschneiders und Kraffts bekannt gewesen sein. - Im Innern die aus einem einzigen Stamm geschnitzte Gruppe der Stäupung Christi; die gegenständliche Auffassung grell naturalistisch, die künstlerische Behandlung nicht ohne Feinheit, nahe verwandt der Tulpenkanzel im Freiberger Dom.


 
Grundriss der Chemnitzer Schlosskirche, Zustand vor dem Umbau 1895-97. Aus dem Dehio Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig von 1966.
 


Aus: Dehio Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, 1966 - Karl-Marx-Stadt, Schloßkirche

Ehem. Benediktinerklst.-K. St. Maria (Schloß-K.) auf einer Anhöhe n der Stadt. Das Klst. 1136 von Kaiser Lothar gegr. und mit Mönchen aus Pegau besetzt. Baudaten der ersten K. unbekannt, vielleicht noch 2. V. 12. Jh. Weitgehender Neubau unter den letzten Äbten Heinrich v. Schleinitz (1484-1522) und Hilarius v. Rehburg (1522-40): E. 15. Jh. Erhöhung des Chores (Weihe 1499), seit 1514 Umgestaltung des Qhs. und Bau von Lhs. und WTeil, 1526 im wesentlichen voll., nur der WBau unfertig; Mitarbeit des Baumeisters Andreas Günther wahrscheinlich. Die Turmobergeschosse des WBaus 1895-97, Turmabschluß 1946-49. Rest. 1864-74 und 1950-57. - Vom rom. Gründungsbau das Chorquadr. mit den flankierenden Nebenchören und der s Qhs.Flügel erh. Nach Ausweis der Halbsll. Vorlagen an den ö Vierungspfll. und der Abbruchlinien des Gwb. war dieser Bau in seinen OTeilen gwbt. Auch die Chorkapp. mit Spitztonnen; sie besitzen innen eingezogene 1/2kr. Apsiden, außen geraden Schluß. Ihre großen urspr. Öffnungen zum Qhs. bis auf kleine Türen mit spätgot. Gewände vermauert. An einigen Kämpfern der beiden Kapp. noch schlichter Palmettendekor, der Rundbg.Fries des n Nebenchores 19. Jh. Die rom. Apsis E. 13. oder A. 14. Jh. durch ein 5/8-Polygon mit sehr hoch sitzenden, ern. Fenstern und schlichten Strebepfll. ersetzt. Die spätgot. Halle von gleicher Höhe wie der Chor. Ihre NSeite als Schauseite der K. besonders reich. Die Fensteranordnung wegen der Empore zweigeschossig; unten niedrige, oben hohe, gedrückt spitzbg. Öffnungen mit stark profilierten Gewänden und einfachem Maßwerk (ern.). Das Hauptportal in der Mitte der Nfassade, darüber ein Kreisfenster. Zwischen beiden eine monumentale figurendurchsetzte Astwerk-Dekoration. Das einzigartige, für die Gestaltungsabsichten der Spät-Got. bezeichnende Werk um 1503/05 von Hans Witten entworfen und beg., von von Franz Maidburg unter Zufügung der fehlenden Teil lt. Inschr. 1525 voll., Rest. 1897. Der 4geschossige Aufbau zeigt in der Portalzone die Gestalten des kaiserlichen Stifterpaares Lothar und Richenza sowie (am Türgewände) 2 Äbte, vielleicht H. v. Schleinitz und H. v. Rehburg; unter dem Kaffgesims ein großes Spruchband. Es folgt nach oben die von Engeln gekrönte Maria zwischen den beiden Johannes sowie St. Benedikt und St. Scholastika (mit Ausnahme des Johannes Ev. eigenhändige Werke von Hans Witten), darüber der Gnadenstuhl, umgeben von musizierenden Engeln. - Sämtliche Fenster der SSeite wegen des im 19. Jh. abgerissenen doppelgeschossigen Kreuzgang-NFlügels urspr. nur so klein wie die beiden im 2. und 4. Wandfeld noch erhaltenen, die anderen im 19. Jh. nach unten verlängert. Die Qhs.Arme in der äußeren Erscheinung dem Lhs. angeglichen. Vom WBau nur die beiden Untergeschosse spätgot.; an der NSeite zwischen den beiden Gurtgesimsen (in Höhe der Empore) ein abtähnliches Wappenrelief und 2 Inschriften, die den Baubeginn 1514 unter Abt Hilarius melden; an der SSeite - heute am Treppenturm eingemauert - Wappenschild mit den Initialen A g (wohl als Andreas Günther zu lesen). Das Erdgeschoßfenster der NSeite, das WPortal und die Strebepfll. 1895-97 hinzugefügt.
Das Innere des 3sch. Lhs. im Raumeindruck durch den Gegensatz zwischen steilen Sschiffen und weitgespanntem Msch. bestimmt; bedingt durch die Wiederverwendung rom. Fundamente. Die 10 schlanken 8Eck-Pfll. mit konkaven Seiten. Die 1523 beg. Wölbung der ganzen K. einheitlich; die Rippenanfänger z. T. auf Konsolen, z. T. verlaufend. Reiche Schleifenstern- und Schlingrippenformen, z. T. im unmittelbaren Anschluß an Annaberg. Im n Ssch. schmale Empore zwischen den teilweise nach innen gezogenen Strebepfll. Die so entstandenen Nischen unten in Flachbgg. zum Sch. geöffnet und netzgewbt., ihre Maßwerkbrüstungen zusammen mit den übrigen Emporenbauten in Qhs. und Lhs. 19. Jh.; originale Platten mit Blendmaßwerk in der Turmhalle erh. [Dem Hauptportal gegenüber an der s Sch.Wand einst die Früh-Renss.Kanzel von 1538 (1867 abgebrochen, Reste im Schloßberg-Museum); ihre Disposition nahm Eigenheit des protestantischen Predigtraumes vorweg. Für den urspr. Raumeindruck entscheidend auch die in der Spät-Got. in Chor und Qhs. eingeb. Unterkirche; w abgeschlossen durch den Lettner, inschr. 1530, abgebrochen 1864.] Das querrck. Untergeschoß des WBaues mit Spitztonnengwb. urspr. an der n und s Schmalseite offen; diese Form durch örtliche Gegebenheiten bedingt: sie war Durchgang zwischen zwei Höfen. Das schöne Rippengewb. im Obergeschoß entspricht den Lhs.Formen. Der einheitliche Emporenraum (inschr. 1526) jetzt durch Querwände unterteilt und nur die Mitte zum Sch. geöffnet.
Einige bedeutende Werke der alten Ausstattung erh.: Geißelsäule um 1515 von Hans Witten. Das 3,60 m hohe, vollplastische Schnitzwerk mit alter Fassung und Ergänzungen der 2. H. 17. Jh. - heute hinter dem Altar aufgestellt - zeigt Christus an einem mächtigen Baumstumpf, von 3 Henkern gepeinigt, während ein vierter zu seinen Füßen die Dornenkrone bindet; die eindringliche Charakterisierung der einzelnen Gestalten und die Drastik der szenischen Darstellung machen die Geißelsäule zu einer der großartigsten Leistungen des Künstlers, die auch thematisch in der Plastik singulär ist; urspr. im sogen. Geißelsaal des Klst. Sandstein-Taufe 1668. Got. Sakramentshäuschen an der SWand des Lhs. Im Chor spätgot. Gewölbemalereien mit bmkw. Bildern der 4 Evangelisten um 1530, 1952 freigelegt. Kruzifixus und Maria einer Kreuzigungsgruppe I. V. 16. Jh., aus dem Umkreis des Hans von Cöln; den Umrissen entsprechend ausgesägte Ölgemälde auf Holz, früher wohl am Lettner. 4 gemalte Tafeln von 2 verschiedenen Altären; die beiden flachbg. Querbilder mit der Marter des Jakobus und der Darstellung Mariae im Himmel mit Heiligen und 2 personifizierten Seelen (rückseitig die Dreieinigkeit) von Lucas Cranach d.Ä. 1518-20; die Schmalflügel aus der Cranachschule: Heiligenmartyrium (Marter der 10 000 Christen?) und Predigt eines Papstes (Gregor?), rest. 1953. Bildnis Hilarius v. Rehburg um 1525, dem Hans von Cöln zugeschrieben.


Aus: Dehio Sachsen II, 1998 - Chemnitz, Sakralbauten

Ev. Schloßkirche, ehem. Benediktinerinnenklosterkirche St. Maria, Johannes Baptista und Johannes Evangelista und Schloßbergmuseum, ehem. Benediktinerkloster und Schloß. Auf einer Anhöhe über der Stadt und dem Schloßteich gelegene markante Baugruppe, die die Kirche und das südlich anschließende Schloßbergmuseum umfaßt.
Baugeschichte. Das Kloster 1136 von Kaiser Lothar gegründet und mit Mönchen aus Pegau (Kr. Leipziger Land) besetzt. Bau der romanischen Kirche in zwei Etappen: wohl 2. H. 12. Jh. die kreuzförmige Chorpartie mit Seitenkapellen und Apsiden, das Langhaus als Pfeilerbasilika I. V. 13. Jh.; Verlängerung und Erhöhung des Chores mit 3/8-Schluß und Rippenwölbung E. 13. Jh. Weitgehender Neubau unter den beiden letzten Äbten Heinrich von Schleinitz (1484-1522) und Hilarius von Rehberg (1522-40): Veränderung des Chores (Weihe 1499), dabei wohl Einbau einer Unterkirche in den Ostteilen. 1514 Errichtung eines Westbaues als Unterbau eines Turmes; 1518 Alex von Pirna als Parlier des Abts genannt. Umbau des Langhauses als spätgotische Hallenkirche vermutlich erst in den 1520er Jahren (leitender Baumeister war wohl Andreas Günther; 1523 Wölbung wohl im Osten begonnen. 1525 entstand das Nordportal von Franz Maidburg unter Verwendung von Figuren des Meisters H W, 1526 war der Bau im wesentlichen vollendet. Nach der Reformation Umbau der Ostteile zu Wohnräumen des kurfürstlichen Schlosses, das in der Abtei nordöstlich der Kirche und im Kloster eingerichtet wurde. Das Langhaus wurde umorientiert und als Schloßkirche verwendet, später mehrfach profaniert, die Ostteile im 2. V. 19. Jh. Gastwirtschaft, im Westturm Salzniederlage. Nach Gründung einer Pfarrgemeinde 1859 Restaurierung 1867-75 unter Karl Moritz Haenel (dabei Abbruch der Einbauten im Chorbereich und des Lettners, Betonung des Querhauses durch Giebel, Rekonstruktion der nördlichen Nebenkapelle, neugotische Ausstattung), zweite neugotische Umgestaltung 1895-97 durch Gotthilf Ludwig Möckel (Ausbau des Westturms mit hohem Helm, Innenausstattung). Nach Bombenschäden 1945 Reduzierung des Turmabschlusses 1946-49 nach Plänen von Georg Laudeley, 1950-57 Restaurierung des Innenraums. 1977-79 Übertragung des gefährdeten Nordportals in den Innenraum unter Leitung von Egmar Ponndorf, in diesem Zusammenhang 1980-89 erneute Restaurierung und Abbruch der neugotischen Emporen. 1991/92 Freilegung und Ergänzung der südlichen Nebenapsis und Restaurierung der Nebenkapelle durch Rolf Zimmermann. 1995 Aufstellung des spätgotischen Flügelretabels aus der Katharinenkirche in Großenhain (Kr. Riesa-Großenhain), 1996 Aufstellung der Geißelsäule des Meisters H W im nördlichen Querhausarm.
Baugefüge. Dreischiffige spätgotische Hallenkirche mit kreuzförmiger Ostpartie und Nebenkapellen, wobei der Grundriß des romanischen Vorgängers maßgebend blieb; Teile im Bereich der Ostpartie erhalten; der Chorschluß gotisch. Im Westen ein im Unterbau quergelagerter Turm, der im Erdgeschoß als Durchfahrt diente, darüber quadratisch ausgebaut. Romanische Bauteile sind Süd- und Nordwand des Chores und östliche Vierungspfeiler mit halbrunden Vorlagen, deren Sockel mit attischem Profil freigelegt sowie die Wände des südlichen und nördlichen Querhauses mit Bogenöffnungen zur südlichen und nördlichen Nebenkapelle - im Mauerwerk markiert. Nach Abbruchlinien der Gewölbe waren die Ostteile gewölbt; die Nebenkapellen mit Spitztonnen; die südliche Nebenkapelle mit Apsis als Werksteinbau (Kristalltuff) mit Sockel, Rundbogenfries und deutschem Band freigelegt und ergänzt, desgleichen der Ansatz der ehem. Hauptapsis. Die Bauornamentik weist schlichten kerbschnittartigen Palmettendekor auf. Gotische Bauteile des letzten V. 13. Jh.: untere Teile des 5/8-Schlusses mit Strebepfeilern und Fenstern (rot gefleckter Porphyrtuff), von der Ostpartie, die erhöht und mit Diensten und Kreuzrippengewölben versehen wurde, einige Reste erkennbar, so die spitzbogigen Fenster an der Nord- und Südseite des Chorquadrats.
Äußeres. Am spätgotischen Bau ist lediglich die Nordseite als Schauseite ausgestattet: Werksteinbau (grauroter Porphyrtuff) mit Strebepfeilern, die Fensterarchitektur in zwei Geschossen, die Emporenarchitektur im Innern andeutend, in der jetzt ganz schlichten Mittelachse mit Rundfenstern ehem. das Portal von Franz Maidburg. Die dreibahnigen Fenster mit leichten Spitzbögen und nasenlosem Maßwerk. Am Unterbau des Westturms Spitzbogenöffnung der ehem. Durchfahrt, darüber Abtswappen des Heinrich von Schleinitz und Bauinschrift, bez. 1514, darüber eine weitere Bauinschrift, die sich auf die Fortsetzung des Turmbaues 1525 bezieht. Der Dachstuhl des Satteldaches über der Hallenkirche - ehem. mit einem Dachreiter von 1527 ausgezeichnet - ebenfalls aus dieser Zeit. Im Zusammenhang mit dem Ausbau des Westturms durch Gotthilf Ludwig Möckel 1895-97 wurde die gesamte Turmfront verändert: sie wurde dreigeschossig ausgestattet, in der Mittelachse ein Portal angelegt, in den Gewänden Figuren von Moses und Johannes d.T. von Oskar Rassau, darüber ein vierteiliges Fenster - ehem. nicht axial angeordnet - eingefügt. Über dem dritten Geschoß wächst der quadratische Einturm aus den mit Walmdächern abgeschlossenen Seitenteilen heraus. Der ehem. hoch aufragende und mit Helm versehene Turm seit 1949 ebenfalls mit einem Walmdach abgeschlossen. Auf den Umbau durch Möckel geht auch der Ostgiebel des Hallenkirchendaches zurück.
Inneres. Dreischiffige Hallenkirche von fünf Jochen, in gleicher Höhe Vierung, Querhausarme und Chor. Der Raumeindruck von der Bindung an den Grundriß der Klosterkirche - breites Mittelschiff und schmale Seitenschiffe - mitbestimmt. Kräftige Achteckpfeiler mit gekehlten Seitenflächen auf runden Sockeln; an der Nordseite im Erdgeschoß eingezogene Wandpfeiler mit eingespannten Arkaden und Netzgewölben, darüber ein Emporenband mit rekonstruierter Blendmaßwerkbrüstung, an der Südwand wegen des einst hier anschließenden doppelgeschossigen Kreuzgangflügels nur kleine Spitzbogenfenster. Das sämtliche Bauteile überspannende Gewölbe von sehr flachem Querschnitt, mit reichen Schleifnetz- und Schlingrippenformen, teilweise an die Wölbung der Annenkirche in Annaberg (Kr. Annaberg) unmittelbar anschließend. Die Rippenanfänger z. T. auf Konsolen mit Wappen, die sich unter anderem auf die ehem. Reichsunmittelbarkeit des Klosters beziehen. Über der Durchfahrt im Unterteil des Turmes eine Öffnung einer ehem. zur Halle geöffneten Empore mit Blendmaßwerkbrüstung, von der sich ein Rest in der Durchfahrt befindet, heute Platz der Orgel. Darunter zog sich die heute an der Südseite des Langhauses angebrachte Bauinschrift entlang, bez. 1527. Anschließend eine weitere, urspr. wohl an der Lettnerempore, die sich ehem. im ersten östlichen Joch der Halle befand, angebrachte Bauinschrift bez. 1533. An die ehem. in den Ostteilen eingebaute Unterkirche erinnern die gestabten Portalgewände an der Nord- und Südseite des Chorquadrats. An der Nordseite - an der originalen Stelle wieder eingebaut - eine Sakramentsnische mit von Eselsrücken überfangenem Spitzbogen, wohl aus der Zeit um 1400. Die originale Farbigkeit des Innenraumes zur Zeit der Spätgotik rekonstruiert: steingraue Werksteingliederungen mit weißen Fugen gegenüber weißgekehlten Mauerflächen; z. T. farbig gefaßte Konsolen und Schlußstein; freigelegt die ausgezeichnete Gewölbemalerei der Evangelisten im Chorquadrat, um 1530. An der Südseite der Halle ist heute an der Stelle der Wandkanzel von 1538 - gegenüber dem urspr. Standort - das ehem. Nordportal angebracht. Vom Meister H W lediglich vier Figuren am oberen Geschoß, die Madonna, Johanes d.T., Benedikt und Scholastika, aus der Zeit um 1503/05, sicher für eine Portallaibung bestimmt, deren Gestaltung aber unbekannt ist. Das 1525 im Zusammenhang mit der Nordwand errichtete Portal von Franz Maidburg viergeschossig, unter Ausschluß von Architekturformen als von Figuren durchsetzte Astwerkdekoration gestaltet, im Untergeschoß kräftig plastisch, nach oben in die Fläche der Wand übergehend. Das Werk gilt als Extremfall der für die Spätgotik charakteristischen Umsetzung von Architektur- in Naturformen. In der rundbogigen Portalzone die Gestalten des kaiserlichen Stifterpaares Lothar und Richenza sowie am Türgewände zwei Äbte, wohl Heinrich von Schleinitz und Hilarius von Rehburg. Unter dem ehem. Kaffgesims ein großes Spruchband mit Bauinschrift 1525. Darüber in der Hauptzone die Madonna - von Engeln gekrönt - begleitet von den Figuren der beiden Johannes (der Evangelist von Franz Maidburg), Benedikt links und Scholastika rechts. Im nächsten Geschoß der Gnadenstuhl, umgeben und bekrönt von musizierenden Engeln.
Ausstattung. Hochaltar mit Retabel aus der 1869 abgetragenen Katharinenkirche zu Großenhain (Kr. Riesa-Großenhain), bez. 1499, vielleicht ein Frühwerk des Pancratius Grueber; erneuert 1848 und 1888, konserviert 1993-95. Das Flügelretabel zeigt in der Predella die geschnitzte Darstellung des Martyriums der Katharina, im geöffneten Zustand im Schrein Schnitzfiguren, die Madonna begleitet von den hll. Barbara und Katharina, seitlich gemalte Szenen aus der Katharinenlegende, im geschlossenen Zustand Margareta, Dorothea, Ursula und Magdalena sowie Katharina, Barbara, Agatha und Agnes. Im Auszug die Figuren von Wolfgang, Christophorus und eines Bischofs, darüber die des Schmerzensmannes. - Von ehem. zwei Altären der Klosterkirche stammen vier gemalte Tafeln, die beiden flachbogigen Querbilder mit dem Martyrium des Jakobus und der Darstellung Mariae im Himmel mit Heiligen und zwei personifizierte Seelen - auf der Rückseite der Gnadenstuhl - von Lucas Cranach d.Ä. 1518-20; die zwei schmalen Seitenflügel aus der Cranachschule: Marter der 10.000 Christen und Papstpredigt, wohl Predigt Petri. - Ein ausdrucksstarkes gemaltes Kruzifix mit der Schmerzensmutter Maria, I. V. 16. Jh., aus einer gemalten Kreuzigungstafel ausgesägt, wohl aus der Werkstatt des Hans von Cöln. - Von diesem Maler wohl auch das Porträt des Abts Hilarius von Rehburg. - Im nördlichen Querhausarm die Geißelsäule, ein Werk des Meisters H W, eine 3,60 m hohe, aus Eichenholz vollplastisch geschnitzte Säule. Um 1515 als Stütze eines Unterzugs eines flach gedeckten "Geißelsaals" im Obergeschoß des nordwestlich an den Turm anschließenden Flügels geschaffen. Nach Schäden, die dem Bildwerk im 30jährigen Krieg zugefügt worden waren, 1667 von Johann Heinrich Böhme d.Ä. restauriert und 1735 zur Aufstellung in der Dresdner Kunstkammer bestimmt, restauriert und mit Ölfarbe bemalt um 1895, diese abgebeizt um 1955, konservatorische Maßnahmen 1995. Um einen Baum gruppiert Christus, von zwei Henkersknechten gegeißelt und von einem dritten von der Rückseite her angebunden. Zu Füßen Christi ein Knecht, der die Dornenkrone windet. Die eindringliche Charakterisierung der Gestalten und die Drastik der szenischen Darstellung machen die Geißelsäule zu einer der großartigsten Leistungen des Künstlers, die auch thematisch in der Geschichte der Skulpturen singulär ist. - Taufe mit ornamentalem Dekor aus Porphyrtuff, 1688.


 

 






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