Bearbeitungen
Der Dehio im Wandel der Zeit
Beispiel: Cranachhöfe Wittenberg
Beispiel: Schlosskirche Chemnitz
 
 

Aus: Dehio Mitteldeutschland, 1905 - Cassel, Orangerieschloß

Orangerieschloß 1701-1711 von Ldgrf. Carl nach italienischen Reiseerinnerungen; jedoch ist die spezielle Stilerscheinung des malerisch empfundenen, im einzelnen viel reizendes enthaltenden Gebäudes französisch und der Architekt wahrscheinlich Paul Du Ry. In einem anschließenden Pavillon das Marmorbad 1720 mit den ihrer Zeit berühmten Skulpturen von Pierre Monot. Als Gegenstück das Küchenschloß 1765. Unterhalb der Orangerie breitet sich der großartige Augarten aus, entworfen von Le Notre, E. 18. Jh. anglisiert.


 
Plan der Karlsaue in Kassel aus dem Dehio Gall von 1950.
 


Aus: Dehio Gall, Nördliches Hessen, 1950 - Hessen-Kassel, Ehem. Landgräfliche Schlösser

Auegarten. Da die Lage des alten Landgrafenschlosses auf der Höhe über der Fulda keinen Raum zur Anlage eines Gartens bot, wurde die Fuldaaue hierzu benutzt. Erste Anlage unter Landgraf Wilhelm IV. (1567-92) auf dem von 2 Fuldaarmen umschlossenen Gebiet seit 1568 mit Wasserkünsten, Badhaus, Pomeranzenhaus, Meierei, Schützenhaus und Wirtschaftsgebäuden; bald durch die vielen und seltenen ausländischen Gewächse berühmt. Vergrößerung unter Landgraf Moritz (1592-1627). Neue großartige Pläne setzte Landgraf Karl (1670-1730) ins Werk, nach ihm "Karlsaue". Großartige, regelmäßig gegliederte Anlage mit 5 von dem Orangerieschloß (s.u.) strahlenförmig ausgehenden Achsen, deren äußere von breiten Kanälen durchzogen werden, während die mittlere auf ein großes Bassin (1722-28) stößt; dahinter noch ein weiteres Wasserbecken mit einem künstlich aufgeschütteten Hügel (später "Siebenbergen" genannt), 1729 voll. An der Seite urspr. ein Gartentheater, das noch in schwachen Spuren kenntlich ist, außerdem viele nicht mehr vorhandene Sonderanlagen mit Grotten, Kaskaden, Kanälen und Bassins im Garten verteilt. Der entwerfende Gartenkünstler ist unbekannt. Le Nôtre in Paris wurde nur brieflich um Rat gefragt. Fortsetzung der Arbeiten unter Karls Nachfolgern. Wie in so vielen alten Bar. Gärten trat auch hier gegen E. 18. Jh. ein ziemlich langweiliger Landschaftsstil an die Stelle der regelmäßigen Ordnung, von der jedoch die bestimmenden Hauptlinien erhalten blieben, da eine wirklich schöpferische Neugestaltung, für die 1790 ein großer Plan (von G. W. Homburg) entworfen wurde, allzu kostspielig war [schwer besch., verwahrlost]. - Orangerieschloß. An Stelle älterer Pomeranzenhäuser im alten Augarten unter Landgraf Karl 1703-1710 erb. Langgestreckter, niedriger Bau mit 2 höheren Eckpavillons, die als sommerliche Wohnräume für den Landgrafen und die Landgräfin bestimmt waren; auch der Mittelbau 2geschossig, oben mit dem urspr. reich ausgestatteten Apollosaal. Im Erdgeschoß des Mittelbaus urspr. ein offenes Tor, das die Voraue (jetzt Hessenkampfbahn) mit der großen Aue verband; entsprechend waren beide Seiten des Gebäudes gleichwertig behandelt. [O-Pavillon ausgebr., Verbindungsbau zwischen Mittelbau und W-Flügel schwer besch., die übrigen Umfassungsmauern und Apollosaal erh.] Von der ehem. reichen bildnerischen Ausstattung nur wenig erhalten, an der OSeite waren ehem. die 4 Weltteile, die Tierkreiszeichen und die Haupttugenden angeordnet. An der WSeite auf dem Dach Figuren von J. G. Kötschau, um 1730. Auf der Balustrade vor dem Schloß Marmorputten von J. B. Xavery, um 1737 (urspr. für Schloß Philippsthal); ferner Figuren von Fechtern und Schleuderern von J. A. Nahl (ehem. an der sog. Rennbahn vor dem Schloß) [bis auf Figur eines Fechters vern.], von ihm auch die Sandsteinputten und Korbvasen, 1767-68 (urspr. in der Voraue) [nur einige schwer besch. erh.]. Neu sind die Giebeldekorationen am Orangerieschloß selbst, ebenso die Medaillons mit Bildnissen hessischer Landgrafen, die an Stelle röm. Kaiserköpfe [nur z. T. erh.] getreten sind. - Vor dem Schloß ehem. ein prächtiges Gartenparterre, das nach dem urspr. Plan beiderseits von einer Reihe von Pavillonbauten gerahmt werden sollte. Ausgeführt wurde unter Landgraf Karl nur das sog. Marmorbad, das indes keinen praktischen Zweck mehr hatte, sondern nur als Prunkgemach für die Unterbringung zahlreicher Marmorbildwerke von Pierre Etienne Monnot diente; der Bau 1722-28, die meisten Figuren älter (z. T. schon in Rom gearbeitet), die Reliefs 1720 bez., alles Darstellungen aus der antiken Mythologie, dazu Bildnisse des Landgrafen Karl und seiner Gemahlin Marie Amalie. Die reiche farbige Marmorverkleidung des Innenraumes ebenfalls von Monnot. Gegenüber in gleicher Form der sog. Küchenpavillon, von S. L. du Ry. 1765-66 erb., 1770 voll. [ausgebr.]. - Am Rande des gegen E. 18. Jh. an Stelle des ehem. Parterre geschaffenen "Bowlinggreen" wurden 1804 einige bisher in der Aue verstreut aufgestellte Bildwerke untergebracht, z. T. noch aus der Werkstatt Kötschaus; am Eingang zur Mittelallee 2 Gruppen Rossebändiger von J. A. Nahl (vordem an der sog. Rennbahn). - Oberhalb des Auegartens am w Ende der Schönen Aussicht Pavillon, ein reizvoller Rundtempel, als Frühstückspavillon für Wilhelm I. von Daniel Engelhard um 1850 erb. [leicht besch.].


Aus: Dehio Hessen, 1982 - Kassel, Orangerie-Schloß

Ehem. Orangerie-Schloß in der Karlsaue (zusammen mit Park Karlsaue, s.u., Verwaltung der staatl. Schlösser und Gärten Hessen). Für Landgraf Karl anstelle älterer Pommeranzenhäuser um 1702 begonnen. Zunächst ein eingeschossiger achteckiger Mittelbau mit anstoßenden, kurzen, eingeschossigen, flachgedeckten Seitenflügeln zu je sechs Achsen vorgesehen. 1704 Planänderung (vielleicht durch Paul du Ry?): Aufstockung des Mittelbaues für die Einrichtung des Apollosaales im Obergeschoß sowie Verlängerung der Flügel um das Doppelte auf je dreizehn Achsen, als Abschluß an den Enden höhere Eckpavillons für die sommerlichen Wohnräume von Landgraf und Landgräfin; so entstand ein langgestreckter Schloßtrakt von ähnlicher Gruppierung wie Schloß Biebrich. 1707 der Rohbau, 1710 der Innenausbau vollendet. 1943 zerstört; erhalten waren nur Teile der Umfassungsmauern, der Ostpavillon war ganz verschwunden; Wiederaufbau bis zur Bundesgartenschau 1981 im wesentlichen abgeschlossen, und zwar das Äußere als Rekonstruktion des historischen Zustandes der 80er Jahre des 18. Jh. nach bildlichen Unterlagen und Befunden an den Ruinen. Im Erdgeschoß des Mittelbaues ehemals eine offene Torhalle, welche die Voraue (jetzt Hessenkampfbahn) mit der Aue verband. Entsprechend beide Seiten des Gebäudes fast gleichwertig gestaltet, die Flügel mit Fensterarkaden; als oberer Abschluß Steinbalustraden mit ehem. steinernen Statuen, z. T. von Joh. Georg Kötschau um 1730 (jetzt Abgüsse nach originalen bzw. rekonstruierten neugeschaffenen Figuren; zwei originale Figuren 1980 am Ende des "Bowlinggreen", s.u., aufgestellt).
Ähnlich wie bei Schloß Marly in Frankreich und Schloß Favorite in Mainz sollten hufeisenförmig zum Hauptbau angeordnete, isolierte Pavillons das große Gartenparterre vor dem Schloß, seit 1764 "Bowlinggreen", einrahmen. Die anschließenden, sich gegenüberliegenden Konchen, die den Übergang zum Achsensystem des folgenden Barockgartens (s. u. Karlsaue) bilden, sollten eine dem Orangerieschloß entsprechende, nur halbkreisförmige Architektur mit Mittel- und Eckpavillons und verbindenden Galerien erhalten. Auf diese Weise wäre ein weiträumiges, offenes, doch streng geordnetes System entstanden (in der Idee ähnlich grandios wie Wilhelmshöhe), das eine typisch barocke Verklammerung und Durchdringung von gestalteter Landschaft und Architektur bedeutet hätte. - Unter Landgraf Karl nur ein westlicher Pavillon, das Marmorbad, ausgeführt, das indes kaum einen praktischen Zweck hatte, sondern nur als originelles Prunkgemach für die Unterbringung der Marmorbildwerke von Pierre Etienne Monnot aus Rom diente; der Bau 1722-28 errichtet; zweigeschossig mit großer Pilastergliederung und Flachdach hinter einer figurengeschmückten Balustrade. Innen in der Mitte ein achteckiger, kuppelüberwölbter Baderaum, durch Arkaden zu einem tonnengewölbten Umgang geöffnet; üppige, farbige Marmorverkleidung, stuckierte Gewölbe und reicher bildhauerischer Schmuck mit Darstellungen aus der antiken Mythologie geben eine lebendige Szenerie: zwölf große freistehende Plastiken, 1692-1720 von Monnot noch größtenteils in Rom geschaffen, acht Wandreliefs (bez. 1720) sowie Reliefbildnisse des Landgrafen Karl und seiner Gemahlin Maria Amalie, ebenfalls von Monnot. - Der symmetrisch und in der Außenarchitektur genau entsprechende Küchenpavillon 1765-66 von Simon Louis du Ry hinzugefügt; 1770 vollendet; 1943 ausgebrannt, aber wiederaufgebaut. - Zwischen beiden Pavillons eine Terrassenbalustrade mit Marmorputten von J. A. Nahl und J. B. Xavery, 1943 vernichtet, inzwischen rekonstruiert. - Die Idee der steinernen Konchenarchitektur 1765 noch nicht aufgegeben, danach, wohl um 1770, als gepflanzte Heckenarchitektur in dem ursprünglichen Gliederungssystem verwirklicht. - Wiederhergestellt (bis 1981) wurde die hufeisenförmige Terrassenanlage um das Parterre; auf den beiden seitlichen Terrassen wurden in Fortsetzung von Marmorbad und Küchenpavillon Hainbuchenhecken zur Andeutung einer Heckenarchitektur sowie eine die Konchen begleitende Lindenallee gepflanzt.

 

 






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